Ein vergessener Standard mit musikalischer Zukunft
Der amerikanische Saitenmacher Damian Dlugolecki steht für höchste klangliche Ansprüche, tiefes historisches Verständnis und jahrzehntelange Erfahrung mit Darmsaiten für historische Streich- und Zupfinstrumente. In einem lesenswerten Beitrag beschreibt er die Entwicklung des Kammertons vom 16. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert – und spricht sich klar für eine Rückbesinnung auf den einst etablierten, heute fast vergessenen Standard a’=435 Hz aus.
Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist ein Blick in die Sammlung Studies in the History of Musical Pitch (Amsterdam, 1968), herausgegeben von Alexander J. Ellis und Arthur Mendel. Die Autoren zeichnen darin die Entwicklung von Tonhöhen über mehrere Jahrhunderte nach – mit einem besonderen Fokus auf die Einführung des sogenannten diapason normal in Frankreich im Jahr 1859: a’=435 Hz. Dieser Wert war das Ergebnis praktischer Überlegungen, orientierte sich an den Bedürfnissen von Instrumentenbau und Gesangspraxis – und galt über Jahrzehnte als Referenz.
Doch gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einem folgenreichen Irrtum: Die Royal Philharmonic Society in London nahm fälschlich an, dass der französische Wert bei 59 °F (ca. 15 °C) gemessen worden sei. Man „korrigierte“ die Tonhöhe auf einen neuen Referenzwert bei 68 °F (ca. 20 °C) – und landete so bei a’=439, der wenige Jahrzehnte später in den global gültigen Standard a’=440 Hz überging.
Dlugolecki sieht diese Entwicklung kritisch. Denn was als „Vereinheitlichung“ gedacht war, entfernte sich immer weiter von dem, was klanglich und spieltechnisch sinnvoll war. Gerade für Darmsaiten – mit ihrer charakteristischen Ansprache und Obertonstruktur – sei a’=435 Hz oft der ideale Bereich. Auch aus gesanglicher Sicht sei der tiefere Ton gesünder und tragfähiger.
Spannend ist dabei die Beobachtung, dass schon vor der französischen Standardisierung viele große Häuser ganz natürlich in diesem Bereich lagen: Die Pariser Oper stimmte 1810 bei a’=423, das Opernhaus in Dresden zwischen 1815 und 1821 ebenfalls. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts stiegen die Stimmungen in Italien massiv an – bis hin zu a’=451 Hz an der Mailänder Scala – was nicht ohne Folgen für die Stimmen blieb und zu heftiger Kritik führte.
Dlugolecki schlägt vor, a’=435 Hz als musikalische Mitte neu zu denken – als Brücke zwischen historischer Aufführungspraxis (a’=415 Hz) und moderner Konzertstimmung (a’=440 Hz oder darüber). Klanglich biete dieser Bereich das Beste beider Welten: Wärme, Resonanz und Entspannung für Sänger*innen wie für Instrumente.
Ein schönes persönliches Detail schliesst seinen Beitrag ab: Eine Stimmgabel mit der Gravur „International Pitch A435“, ein Geschenk des Geigenbauers David vanZandt. Für Damian Dlugolecki ist sie nicht nur ein Werkzeug, sondern ein Symbol für klangliche Klarheit und musikalische Vernunft.
Vielleicht ist es an der Zeit, dieser Tonhöhe wieder Gehör zu schenken.
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