Guten Tag und vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mit uns über Barockinstrumente zu sprechen. Sie haben vor Kurzem den interessanten Artikel von Damian Dlugolecki gelesen, der sich mit Barocksetups beschäftigt. Können Sie uns erzählen, was Sie daran besonders spannend fanden?
Guten Tag! Ja, Dlugoleckis Artikel ist wirklich faszinierend. Er beleuchtet detailliert, wie die Geometrie und das Setup von Barockgeigen den Klang und die Spielbarkeit beeinflussen. Der Unterschied zwischen Barock- und modernen Geigen liegt vor allem in der Konstruktion. Bei der Barockgeige ist der Hals gerade und in einem flacheren Winkel angebracht. Außerdem gibt es einen Keil unter dem Griffbrett, der die Saitenprojektion bestimmt. Diese Aspekte sowie die geringere Saitenspannung sorgen für einen leichteren, subtileren Klang, der die klanglichen Vorlieben des Barocks reflektiert.
Das klingt spannend. Wie genau beeinflussen die Kräfte auf den Steg den Klang? Können Sie das anhand von Dlugoleckis Analyse erklären?
Natürlich. Dlugolecki beschreibt sehr anschaulich, wie die Winkel der Saiten zum Steg entscheidend sind. Auf der Seite des Saitenhalters ist der Winkel schärfer als auf der Wirbelseite. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht der Kräfte, was die Schwingungen des Stegs beeinflusst. Dieses Ungleichgewicht kann die Resonanz des Instruments einschränken, weshalb Barockgeigen besonders empfindlich gegenüber Saiten mit hoher Spannung sind. Darmsaiten, die im Barock üblich waren, passen viel besser zu diesem Setup.
Bedeutet das, dass Barockgeigen spezielle Saiten benötigen?
Genau! Dlugolecki betont, dass Barockgeigen mit leichteren Darmsaiten optimal klingen. Diese erzeugen weniger Spannung und verstärken das Ungleichgewicht der Kräfte nicht. Moderne Stahlsaiten hingegen können den Klang negativ beeinflussen und die empfindliche Balance stören.
Im Artikel wird auch der Saitenhalter und die Darmschlinge erwähnt. Welche Rolle spielen diese Teile?
Der Saitenhalter und die Darmschlinge sind entscheidend für die Dynamik des Instruments. Dlugolecki erklärt, dass ein dickerer Saitenhalter, wie er im Barock üblich war, zusammen mit einer Darmschlinge von etwa 2,5 bis 2,6 mm Durchmesser, eine Art Federwirkung erzeugt. Diese Flexibilität ermöglicht es dem Steg, freier zu schwingen, was die Resonanz und den Klang verbessert. Interessanterweise wird diese Bauweise bei modernen Nachbildungen oft nicht berücksichtigt, was ein Verlust für den Klang ist.
Warum war der Saitenhalter damals so massiv? War das nur aus Stabilitätsgründen?
Nicht nur. Dlugolecki legt nahe, dass der dickere Saitenhalter auch die Kräfte auf den Steg beeinflusst. Diese Konstruktion erlaubt es dem Steg, flexibler zu schwingen, und sorgt so für einen reicheren, komplexeren Klang. Es ist faszinierend, wie solche Details im Barock bewusst gestaltet wurden, um die bestmögliche Klangqualität zu erreichen.
Das klingt, als hätte jedes Detail eine enorme Bedeutung. Haben Sie selbst mit solchen Setups experimentiert?
Ja, ich habe Dlugoleckis Empfehlungen in meinen eigenen Experimenten umgesetzt, zum Beispiel mit dickeren Hängelsaiten und in der Stärke angepassten Saitenhaltern. Die Ergebnisse sind beeindruckend: mehr Resonanz, ein voller Klang und eine bessere Ansprache des Instruments. Es zeigt, wie wichtig es ist, diese historischen Techniken zu verstehen und anzuwenden.
Welche Tipps haben Sie für Musiker oder Geigenbauer, die sich für Barocksetups interessieren?
Mein Rat wäre, sich intensiv mit der Geschichte und den physikalischen Prinzipien der Barockgeige zu beschäftigen, wie Dlugolecki sie beschreibt. Es lohnt sich, die Winkel, Materialstärken und Bauweise genau zu studieren. Und natürlich sollten sie den Mut haben, zu experimentieren. Mit einem authentischen Setup kann man erstaunliche klangliche Ergebnisse erzielen.
Vielen Dank für Ihre Einblicke und dieses interessante Gespräch!
Sehr gerne, es war mir eine Freude!

Micha David Sennhauser ist eidg. diplomierter Geigenbaumeister mit langjähriger Erfahrung in der Restauration und dem Barockrückbau von Streichinstrumenten. Als Mitinhaber der Isler Irniger Sennhauser Geigenbaumeister AG in Zürich ist er nicht nur für die handwerkliche Perfektion, sondern auch für strategische Projekte und den Online-Auftritt verantwortlich. Seine fundierte Expertise und Leidenschaft für historische Instrumente machen ihn zu einem gefragten Experten in der Welt der Barockmusik.
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